Törggelezeit

Ein Südtiroler Brauch mit Kastanien, dem neuen Wein, Nüssen, Speck und Hauswürsten
Oktober 2016
Wenn in den Wochen zwischen September und Oktober die Südtiroler Trauben süß werden, die Kerne mehr und mehr durchscheinen, die Beerenhaut weicher wird und sich die Stengel der Trauben verholzen, dann sind die Trauben endlich reif für das „Wimmen“, wie die Traubenernte in Südtirol genannt wird.
 
 
Sobald auch die Kastanien und die Nüsse reif sind und der süße Most schon zu gären beginnt bzw. gerade einmal frisch vergoren als Neuwein, als „Nuier“, auf den Tisch kommt, herrscht Hochbetrieb in den Buschenschänken aller Südtiroler Weintäler.
Buschenschänken, in Österreich als Heuriger bekannt, werden die Südtiroler Weinhöfe genannt, die seit einer Verordnung von Kaiser Josef II. anno 1784 das Recht haben, selbstproduzierten Wein auszuschenken und dazu Speck, Hauswürste oder kleine Speisen zu verabreichen. Die Zeit des Ausschanks ist befristet, während derselben musste früher zum Zeichen, dass „Ausg´steckt“ ist, vor dem Hause bzw. am Hause des Buschenschenkers ein Weinzeiger angebracht werden. Häufig bestand derselbe in einem Föhren- oder Buxbaum-Buschen, daher der Name Buschenschank.

Wo der Wein wächst, heißt es in einer Südtiroler Redensart, sind die Leute gemütlich und neugierig auf den neuen Jahrgang. Das gemütliche Verkosten des neuen Mostes und des „Nuien“, des Neuweines, in den Buschenschänken wird Törggelen genannt. Das Wort lässt sich ableiten von der traditionellen Kelter, die in Südtirol „Torggl“ (aus dem Lateinischen von „torquere“ = pressen) genannt wird. Törggelen gehört seit Jahrhunderten zur Südtiroler Herbsttradition. Von Oktober bis zum Beginn der Vorweihnachtszeit verkosten und genießen Südtiroler und Gäste gleichermaßen die Produkte der Ernte.

Wir wollen zwei exemplarische Törggele-Weinhöfe vorstellen, die einerseits für gelebte Tradition stehen, die andererseits aber mit moderner Kellertechnik ihren reintönigen, fruchtbetonten Weinen ein längeres Flaschen-Leben ermöglichen als zu Zeiten der Wein-Großväter.

Hoch über Brixen lockt der urige Villscheiderhof mit dampfenden, schmackhaften Schlachtplatten, Eisacktaler Kastanien und mit würzigem Neuwein bzw. süßem Most. Florian Hilpold bewirtschaftet den Weinhof und Buschenschank gemeinsam mit seiner Familie. Seine große Leidenschft gilt dem Weinbau. In den letzten Jahren hat er, neben Kerner und ein bisschen Riesling, besonders mit dem Sylvaner, dem charakteristischsten und wichtigsten Eisacktaler Wein, für Aufsehen in der gesamten Südtiroler Weinszene gesorgt. Florian Hilpold steht exemplarisch für die neue Generation von Südtiroler Buschenschänken-Bauern, die gegenüber neuen Tendenzen in der Kellerwirtschaft sehr aufgeschlossen sind, die selbstbewusst den Vergleich und den Austausch mit anderen Kellermeistern suchen und die sich dennoch gerne Zeit nehmen, im Herbst mit den Gästen gemeinsam den „Nuien“ beim Törggelen zu verkosten.
Nähere Infos dazu: www.villscheider.info

Der Schnalshuber in Algund ist ein uralter Weinhof. Aus der ältesten urkundlichen Erwähnung aus dem Jahre 1318 geht hervor, dass den Grafen von Tirol Geld und 2 Fuhren Wein als Zins gestellt wurden. Wein, Obst, Schnaps, Säfte stammen aus Eigenproduktion, seit vielen Jahren hat der Jungbauer Christian Pinggera seinen Betrieb auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Ein paar Bauern aus der Umgebung liefern Schweine, die hier zu Speck, Würsten und zu deftigen Braten verarbeitet werden. Die Portionen sind gewaltig, die Preise volksnah. Extratipp: Christians Obstbrände, besonders die Quitte. Vorbestellung ist absolut erforderlich, die denkmalgeschützten Stuben sind in der Regel krachend vollbesetzt.
Nähere Infos dazu: www.roterhahn.it/schnalshuberhof

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