Südtiroler Weinbaugeschichte im Zeitraffer

Von Rätern, Römern und Klöstern bis Lagrein, Vernatsch, Riserva, Barrique

November  2015
Seit über 2500 Jahren gärt es in Südtiroler Weinkellern. Bereits in der mittleren Eisenzeit (6. bis 5. Jh. v. Chr.) haben die Räter hier eine systematische Weinkultur betrieben, mit Anbau, Erziehung und Schnitt von Rebstöcken. 15 vor Christus dringen die Römer aus der Poebene kommend nach Norden vor, erobern das Gebiet Südtirol und staunen über die blühende Weinlandschaft. Und über die rätische Kellertechnik: die Römer kennen nur Ziegenlederschläuche und Ton-Amphoren. Von den Rätern lernen sie die Vorzüge von Holzfässern für die Weinlagerung kennen. Aus der Verschmelzung von rätischer mit römischer Weinbautechnik entsteht die erste Hochblüte im Südtiroler Weinbau: Einfuhr neuer Sorten, Erweiterung der Rebfläche, relative Haltbarkeit der Weine.
 
 
Nach Abschluss der großen Völkerwanderungen (6., 7. Jh. n. Chr.) haben viele Klöster aus dem süddeutschen Raum Durst. Großen Weindurst. In der Bibel gibt es über 500 Stellen, in denen von Wein die Rede ist. Also errichten und fördern sie über drei Dutzend Weinhöfe zwischen Salurn und Meran, zwischen Bozen und Brixen, die ihren Bedarf an Messwein decken sollen. Dieser Südtiroler Wein hat aber einen langen, langen Ochsenweg vor sich, bis er in die bayrischen Klöster gelangt: an vielen Zoll- und Haltestationen wird Wein abgezweigt, kassiert. Es muss gepanscht und irgendwie aufgefüllt werden. Am Ende der Strecke muss der Pater Kellermeister Wunder wirken, damit man diesen Wein noch trinken kann. Diese Wunder und Weinschönungen haben die klugen Pater aufgeschrieben. Es sind die ersten Kellermeister-Bücher. Jetzt weiß man, wie Wein verbessert und lagerfähig gemacht werden kann. Das ist die zweite Südtiroler Wein-Revolution.

Die dritte ist Edmund Mach (1846-1901) zu verdanken, dem legendären ersten Direktor der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt von San Michele. Mach leitete die Renaissance im Tiroler Weinbau ein: die Tiroler sollten nicht bei den autochthonen Sorten wie Lagrein, Vernatsch, Traminer, Teroldego, Marzemino stecken bleiben. Mach regte die Einführung neuer Rebsorten aus Frankreich an, er entwickelte neue Methoden im Weinbau und im Keller und er unterstützte die den Händlern ausgelieferten Kleinbauern zur Gründung von Kellereigenossenschaften. Es ist das Verdienst von Edmund Mach, dass Südtirol heute zu den interessantesten, weil vielfältigsten, kleinen Weinbaugebieten der Welt gezählt wird.
Der Anteil von Südtirol am gesamten italienischen Weinbaugebiet beträgt weniger als ein Prozent – hingegen ist der Südtiroler Anteil an den in Italien vergebenen Wein-Auszeichnungen („3 bicchieri“, Sonnen, Hüte, Vinitaly-Goldmedaillen usw.) gemessen an der kleinen Fläche, viermal höher. Das heißt: Südtirol ist beim Qualitäts-Weinbau absolut erfolgreicher als Piemont und die Toskana! Keine andere Weinbau-Provinz Italiens kann so viele Weine mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung (DOC) vorweisen. Auf keinem anderen Weinbaugebiet der Welt stehen auf so kleiner Anbaufläche so viele unterschiedliche Rebsorten. Extrem unterschiedliche Bodenverhältnisse erfordern geradezu diese facettenreiche Sorten-Lagen-Abstimmung. Und das alpine Klima (1800 Sonnenstunden im Jahresmittel, 17,8° C Temperaturmittelwert in der Vegetationszeit) schafft beste Voraussetzungen für die Kultivierung internationaler Spitzenweine.
 
 
 
 
 
 
 

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